Mit kleinen Schritten zur Barolo-Revolution

Der Weinberg ist das Wichtigste - und die Arbeit darin. Während in den vergangenen Jahrzehnten weltweit Unsummen in neuste Kellertechnik investiert wurden, so geht der Trend seit Kurzem wieder zurück zur Natur. Beim Besuch auf dem Weingut wird dem interessierten Weinfreund nicht als Erstes der nach neuesten Designentwürfen gebaute Weinkeller gezeigt. Der Weg führt zuerst in den Weinberg. Denn guter Wein, darüber ist sich die Weinwelt heute einig, wird im Weinberg gemacht.

 

 

Fragt man Mariacristina Oddero vom Weingut Oddero Poderi e Cantine nach ihrer Weinphilosophie, so sagt auch sie: „Wenn die Traube gut ist, ist die Arbeit im Keller nur noch ein Prozess.“ Die Kellertechnik sei heute überall vergleichbar.

 

Ja aber, denke ich mir, so einfach ist das Verwandeln von hochwertigem Traubengut in einen Spitzenwein dann doch nicht. Oder die Transformation von Nebbiolo-Trauben in einen Spitzenbarolo. Nun, daran verschwendet beim Weingut Oddero Poderi e Cantine aus La Morra niemand einen Gedanken. Topleistung auf allen Ebenen ist hier selbstverständlich.

 

 

 

 

Ich treffe Mariacristina Oddero und ihren Sohn Pietro an einem windigen Spätwintertag in Zürich. Sie ist die Chefin im Oddero-Weinkeller, die Winemakerin, mit einer klaren Linie: „Mit kleinen Schritten zur Revolution“. Ihre Weine sind traditionell, Gewächse mit markanter Tanninstruktur und grossem Lagerungspotential. Doch stetig feilt sie an Verbesserungen, sucht nach Optimierungen.

 

 

 

 

Pietro ist der jüngste Oddero-Spross, er wuchs auf dem Weingut auf und sog den Wein bereits mit der Muttermilch auf. Doch aus ihm wurde kein Weinmaker, er ist mit einem Abschluss in Economics seit 2015 das wirtschaftliche Gewissen von Oddero. Tradition ist auch ihm wichtig, er glaubt an die traditionellen Produkte von Oddero. Beim Verkauf geht er aber neue Wege. Zum Glück für mich: Zusammen mit einer Handvoll renommierter Weinjournalisten war ich zum Lunch im Zürcher Haus zum Rüden am Limmatquai geladen.

 

 

 

 

Das Essen ist an diesem Mittag  jedoch Nebensache, die Musik spielt im Glas. Na, dann los!

 

 

 

2013 Barolo DOCG
Der erste Wein in der Degustation ist der Basiswein von Oddero. Sofort fallen mir dir sortentypischen, jedoch sehr intensiven, ätherischen Aromen in der Nase auf. Am Gaumen folgen dann Aromen von roten Beeren und Kirschen, begleitet von scharfen Noten. Getragen wird das Ganze von einer markigen Tanninstruktur, kombiniert mit einer ziemlich wilden Säure. Aktuell ist der Wein viel zu jung zum Trinken, hat jedoch Reifepotenzial. Aber ganz ehrlich, dieser Wein wird nicht mein Freund. Wohl auch in zehn Jahren nicht.

 

2013 Barolo DOCG „Villero“
Ich bin gespannt, was folgt. Die sehr traditionelle Linie von Oddero erscheint mir mutig, in einer Zeit, in der viele italienische Weingüter auf moderne Cuvées setzen. Kommen die Weine beim Publikum an? Jawohl, dieser schon. Die Nebbiolo-Trauben des Barolo „Villero“ stammen aus einer Einzellage in Castiglione Falletto. Im Bouquet dominieren Aromen von Veilchen und roten Früchten, die sich am Gaumen, begleitet von Kakaonoten, wiederholen. Der Wein füllt den Mund wunderbar aus, fühlt sich warm an, wirkt komplex mit bereits gut eingebundenen Tanninen. Daumen hoch.

 

Vertikalverkostung
2004 / 2009 / 2011 / 2013 Barolo DOCG „Brunate“

Was nun kommt, muss jeden Weinfan begeistern. Wir kredenzen vier von Mariacristina ausgewählte Baroli aus der Einzellage Brunate parallel. Vertikal. Barolo „Brunate“ mit Jahrgang 2004 war der erste Wein, der aus der Einzellage Brunate  in La Morra gekeltert wurde. Es ist die Toplage in der eigentlichen Heimat des Weinguts, hoch über La Morra gelegen.
Mein Favorit aus der Reihe ist der Jahrgang 2011, von den vier Weinen aktuell der zugänglichste, mit angenehmem Schmelz. Wenn auch sein Reifepotential im Vergleich zu den anderen vermutlich weniger gross ist, würde ich diesen Wein einkellern. Rote Früchte im duftigen Bouquet, mit Noten von Lakritze und dunkler Schokolade. Langsam komme ich in Fahrt.

 

Vertikalverkostung
2006 / 2007 Barolo DOCG „Vignarionda“ (Riserva di 10 anni)

Zum Abschluss der Degustation kredenzt uns Oddero die zwei Topweine des Weinguts. Die Nebbiolo-Trauben des Vignarionda Riserva stammen von der gleichnamigen Parzelle in Serralunga d‘ Alba. Der Wein schlummerte fünf Jahre lang im 2500 Liter Eichenfass, das von der österreichischen Küferwerkstatt Stockinger als Spezialanfertigung für Oddero hergestellt worden war. Anschliessend folgten 5 Jahre Flaschenreife. Der Jahrgang 2007 ist also der aktuelle Jahrgang, der mir besser mundet als der 2006er. Mir gefällt das satte, leuchtende Rubingranat. In der Nase satt und intensiv nach Himbeeren, Zwetschgen und Rosen duftend. Am Gaumen drückt wieder der klassische Stil von Oddero durch: Das kernige Tannin gibt den gereiften Zwetschgenaromen viel Struktur. Ein würdiger Abschluss der heutigen Verkostung!

 

 

 

Zweifellos, noch nie habe ich so viele hochwertige Baroli in der Reihe degustiert. Obwohl mir der Einfluss des Terroirs auf Geschmack und Qualität eines Weins stets bewusst war, heute hat die Praxis die Theorie einmal mehr bestätigt, nein sogar überholt. Allesamt waren sie heute Baroli, allesamt reine Nebbiolo-Weine. Doch die Unterschiede zwischen den einzelnen Tropfen waren eindrucksvoll, teils verblüffend. Jede Lage hat ihre eigenen Bodeneigenschaften, eigenes Mikroklima. Daraus ergeben sich Charakterweine von höchster Qualität.  

 

Müsste ich eine (sehr persönliche!) Rangliste erstellen würde diese wie folgt aussehen:

  1.   2013 Barolo „Villero“ DOCG

  2.   2011 Barolo „Brunate“ DOCG

  3.   2007 Barolo „Vignarionda“ DOCG (Riserva di 10 anni)

 

Nur frage ich mich, ob die aktuelle Weintrinkergeneration solche sehr traditionell gehaltenen Weine wirklich schätzt und bereit ist, dafür auch relativ tief in die Tasche zu greifen...
Zumindest geht ein wichtiger Trend in Richtung „Tradition“. Geübte Weintrinker wollen weg von Massenprodukten oder Cuvées, die dank der Möglichkeit der Assemblage ein breites Publikum befriedigen. Sie wollen hin zum Ursprünglichen, Echten, Traditionellen. In der Barolo-Welt wäre ihr Zuhause die Poderi e Cantine Oddero.

 

Ich persönlich wünsche dem sympathischen und eloquenten Pietro und seiner fleissigen und naturverbundenen Mutter Mariacristina auf jeden Fall viel Erfolg. Die letzten Jahre war es ruhig um Oddero. Doch jetzt geht es los - mit kleinen Schritten zur Barolo-Revolution.

 

 

Bezugsquelle in der Schweiz:

Weinhaus Küssnacht AG            

 

Weitere Informationen zum Weingut:

Oddero Poderi e Cantine           

Video                                                  

 

 

 

 

 

Zu guter Letzt noch ein persönlicher Lese-Tipp. Mein Weinblog-Kollege Adrian van Velsen schreibt ebenfalls über Oddero und Nebbiolo:

 

Klassische Barolo-Weine von Oddero   

18 Facetten des Nebbiolo    

 

 

Viel Spass beim Lesen und vielen Dank fürs Teilen dieses Beitrags!  

 

 

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