Auf der falschen Strassenseite geboren? - 18/20 Punkte

AOC, DOCG, DAC… Die Bezeichnungen für geschützte Herkunftsbezeichnungen beim Wein sind vielfältig. Und oft verwirrend. Wie nah sich manchmal Licht und Schatten sind, bzw. wie oft teure und günstige Weine von praktisch gleicher Qualität geografisch beieinanderliegen, haben wir kürzlich selbst erlebt.

 

Avignon, ganz im Osten der Provence gelegen und Hauptstadt der Appellation Côtes-du-Rhône AOC. Dutzende grosse Reisebusse spucken ihre Ladung auf dem Pont d‘ Avignon aus. Wir jedoch lassen diesen Touristenhotspot sowie den majestätischen Papstpalast und die imposante Stadtmauer links liegen. Unser Ziel ist ein anderes:  Die weltberühmten Weinlagen des Châteauneuf-du-Pape im südlichen, französischen Rhônetal.

 

 

Typisch für das Châteauneuf-du-Pape-Gebiet sind die mit rotem, sandigem Lehm vermischten grossen, runden Kieselsteine („galets roulés“). Sie geben die tagsüber gespeicherte Wärme nachts an die Reben ab. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der gleichnamige Ort gibt der eigenständigen AOC Châteauneuf-du-Pape den Namen.

 

 

 

Doch was ist eine AOC überhaupt? Appellation d’Origine Contrôlée (abgekürzt AOC; französisch für kontrollierte Herkunftsbezeichnung) ist ein Schutzsiegel für bestimmte landwirtschaftliche Erzeugnisse, wie etwa Wein oder Käse. Auch in der Schweiz kennen wir AOC-Produkte, zum Beispiel den Gruyère AOP. Dieser Käse ist seit 2001 mit einer AOC geschützt. Im Dezember 2011 wurde die Bezeichnung zu Appellation d’Origine Protégée (abgekürzt AOP, französisch für geschützte Ursprungsbezeichnung) geändert.

 

Die Herstellung sämtlicher AOC-Produkte, im Fall von Châteauneuf-du-Pape ist es Wein, erfolgt gemäss einem strengen Pflichtenheft. Voraussetzung für die Erteilung des AOC-Zertifikates ist die Einhaltung gewisser Kontrollbestimmungen:

 

  • Die Herstellung muss durchgängig auf traditionelle Weise erfolgen.
     

  • Die Zutaten müssen aus einem bestimmten geographischen Raum stammen und das Produkt muss in dieser Region hergestellt werden und zumindest teilweise gereift sein.
     

  • Die Eigenschaften des Erzeugnisses müssen annähernd gleich bleibend sein und klar definierten Qualitätsstandards entsprechen.
     

  • Die Herstellung wird streng überwacht und reguliert durch eine Kontrollkommission, die AOC-Standards zugrunde legt und einhält.
     

 

Mit Ausnahme von Champagner werden in Frankreich alle AOC-zertifizierten Weine durch einen Vermerk auf dem Etikett gekennzeichnet.

 

 

 

Viele andere Länder nahmen das französische AOC-System zum Vorbild für eigene Qualitätssiegel. Beispiele sind:

 

  • Italien DOC (Denominazione di Origine Controllata) oder DOCG (Denominazione di Origine Controllata e Garantita)
     

  • Spanien DO (Denominación de Origen)
     

  • Portugal DOC (Denominação de Origem Controlada)
     

  • Österreich DAC (Districtus Austriae Controllatus)
     

 

 

Einer AOC liegt grundsätzlich der Terroir-Gedanke zugrunde: Der produzierte Wein muss eine klar abgrenzbare, auf seiner Herkunft beruhende Identität besitzen. Diesem Grundsatz wird im Châteauneuf-du-Pape ganz intensiv nachgelebt; 1923 wurde hier die allererste AOC aus der Taufe gehoben.

 

 

 

Besuch bei der Domaine Clos du Caillou

 

Was auf der Hand liegt: irgendwo ist die Grenze der Appellation, die Trennlinie zwischen Weltruhm und internationaler Bedeutungslosigkeit, zwischen Licht und Schatten. Da kommt es dann schon darauf an, auf welcher Strassenseite man geboren wurde, bzw. auf welcher Seite der Grenze ein Rebstock verwurzelt ist!

 

Während unseres Aufenthalts im Châteauneuf-du-Pape-Gebiet kam es, dass wir uns etwas abseits der bekannten Weinpfade bewegten und auf einer kleinen Anhöhe, inmitten eines uralten Baumbestandes auf das Weingut „Le Clos du Caillou“ trafen. Die Domaine gehört zur Gemeinde Courthezon und wir bekamen die Gelegenheit, die ganze Bandbreite an Côtes-du-Rhône- und Châteauneuf-du-Pape-Weinen zu degustieren.

 

 

Françoise Cadet, Verkaufsverantwortliche für den französischen Markt, erklärte sich – trotz eigentlicher Mittagspause - spontan bereit, uns ihre Weinschätze zugänglich zu machen.

 

 

 

Sie eröffnet die Degustation mit Weinen, die ausserhalb des Châteauneuf-du-Pape gewachsen sind. Côtes-du-Rhône-Weine, mit einer berauschenden, tiefen Fruchtigkeit.

 

 


Ein grosses Ausrufezeichen setzt hier der 2015 Côtes-du-Rhône „Les Quartz“.

 

Traubensorten: 85 % Grenache, 15 % Syrah

 

Dieser Wein begeistert uns mit intensiven Aromen von getrockneten Pflaumen, mit Noten von Himbeere und Tabak. Unglaublich viel Fruchtpower - doch trotz seiner 15 % Vol. ist der Quartz ausgewogen, samtig, mit butterweichen Tanninen. Der 2015er ist offenkundig ein herausragender Jahrgang und hat noch weiteres, grosses Entwicklungspotential.

 

Fazit: Wir überlegen, was dieser tolle Essensbegleiter – der klar eine preiswerte Alternative zu einem einfachen Châteauneuf-du-Pape ist – wohl kosten mag. Dem Blick auf die Preisliste folgt ein erfreuliches „Was, so günstig!?-Gefühl“. Ein 92-Punkte-Parker Wein für rund CHF 20.- ist grossartig. Aus diesem Grund geben wir gerne:

 

Weinparkett-Punkte: 18/20
 

 

 

In der Schweiz erhältlich bei:
La Cave de Reverolle

 

In Deutschland erhältlich bei:
Lobenbergs GUTE WEINE

 

 

 

 

 

Die Bodeneigenschaften des oben beschriebenen Weins (AOC Côtes-du-Rhône) sind praktisch identisch mit jenen der AOC Châteauneuf-du-Pape - jener renommierten Weinlage auf der anderen Strassenseite: Sandige, mit Quarzit durchzogene Böden, dazu sehr viele "Galets Roulés". Für uns Konsumenten ist das fantastisch, weil wir für kleines Geld einen grandiosen Wein bekommen. Schade jedoch für das Weingut, denn sie können für einen grossartigen Wein viel weniger verlangen als für einen klassifizierten Châteauneuf-du-Pape. 

 

Und jetzt ganz ehrlich: die in der Degustation nachfolgenden Weine von Clos du Caillou aus der AOC Châteauneuf-du-Pape waren ausnahmslos sehr gut. Vielschichtige, komplexe und elegante Gewächse - aber um einiges kostspieliger als ein Côtes-du-Rhône-Wein.

 

Nun denn, vielleicht ist ja gar nicht so schlimm, als Rebstock auf der falschen Strassenseite verwurzelt zu sein. Sein Wein ist für den inländischen Verbrauch oder den Geniesser im Ausland bestimmt, der ein herausragendes Preis-Leistungsverhältnis schätzt. Wir haben auch ein paar Kartons vom Côtes-du-Rhône „Les Quartz“ ins Auto eingeladen. Und freuen uns zu Hause an dessen herausragenden Preis-Leistungsverhältnis. Santé!

 

 

 

 

 

 

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