Die (un)gleichen Weinbrüder – 17.5/20 und 18/20 Punkte

2012 Lopez Cristobal Reserva                                         
Ribera del Duero D.O.    

 

2011 Lopez Cristobal Seleccion

Ribera del Duero D.O.

 

 

Der grosse Bruder ist immer älter, reifer, besser. Was bei Menschen einleuchtet, ist bei den Weinen nicht immer so einfach zu definieren. Zwar steht es bei den spanischen Weinen auf dem Etikett, um welchen „Bruder“ es sich handelt:

 

 

 

 

 

 

Nur, was bedeuten denn nun die spanischen Qualitätsbezeichnungen wie Crianza, Reserva oder Gran Reserva genau?

Anscheinend herrscht hier nach wie vor eine Begriffsverwirrung – und ganz ehrlich, ich hab’s mir auch lange nicht merken können.

 

 

 

 

Eigentlich könnte man sich die ganze Sache recht einfach einprägen: der Crianza ist der kleinste und jüngste von drei Brüdern, etwas älter und reifer ist der Reserva. Der grösste Bruder ist der Gran Reserva. Die Ausdrücke Crianza, Reserva und Gran Reserva bezeichnen also die Art und Dauer des Ausbaus eines Weins.

 

Der Name Crianza leitet sich vom spanischen Wort „criar“ ab, was so viel wie „reifen“ oder „grossziehen“ bedeutet. Als Crianza bezeichnet man Weine, die mindestens zwei Jahre in der Bodega reifen müssen, davon mindestens ein Jahr im kleinen Eichenfass (Barrique). Das heisst auch, dass ein solcher Rotwein erst im dritten Jahr nach der Ernte auf den Markt gebracht werden darf.1

 

Beim Reserva liegen die Anforderungen höher: Der Wein darf erst im vierten Jahr nach der Lese verkauft werden. Das heisst mindestens ein Jahr Ausbau im Barrique, anschliessend zwei Jahre Flaschenlagerung.2 Die Gran-Reserva-Weine schliesslich gelangen erst nach sechs Jahren in den Verkauf, mit entsprechend längerem Ausbau.3 Wenn man sich das konkret vorstellt, liegt in einer durchschnittlichen Bodega ganz schön viel Kapital herum…

 

1,2,3   Diese Angaben gelten für die Region Ribera del Duero. In anderen Weinbauregionen gelten weniger strenge Anforderungen.


Soviel zur Theorie. Lopez Cristobal geht eigene Wege. Einen Gran Reserva gibt es nicht, auch nicht in herausragenden Jahrgängen - dafür einen „Seleccion“. Mir scheint, der ruhige Galo Lopez ist im Innersten ein Rebell! Er foutiert sich um die offiziellen Bezeichnungen im obersten Qualitätssegment. Er nutzt und unterstreicht vielmehr die unterschiedlichen Eigenschaften seiner neun Rebenparzellen: die einen ausgeprägt kalkig, die anderen eher lehmig.

 

 Die Parzelle "Manvirgo" mit kalkigem Untergrund

 

In unserer Lopez Cristobal-Degustation hatten wir die Gelegenheit, Crianza, Reserva und "Seleccion" nebeneinander zu verkosten. Das Rebenalter ist bei allen drei Weinen ähnlich, allerdings werden für den“ Seleccion“ nur die besten Trauben selektiert. Einen Unterschied machen auch die unterschiedlichen Bodeneigenschaften der verschiedenen Parzellen. Und natürlich der Ausbau in gebrauchten oder neuen Fässern – doch dies ist ein anderes Thema (über das wir später berichten werden).

 

Konzentrieren wir uns jetzt auf den direkten Vergleich zwischen dem 2012er Reserva und dem 2011er „Seleccion“.

 

 

 

 

Der „Seleccion“ präsentiert sich im Glas glänzend kirschrot mit mittlerer Viskosität. Im Bouquet registrieren wir intensive Aromen von Waldbeeren und Lakritze. Dazu leicht pfeffrige, rauchige Noten mit Anklängen von Süssholz. Am Gaumen ausgewogene Säure mit bereits gut integrierten Tanninen. Im langen Abgang gesellen sich noch Baumnussnoten zum Gesamtbild.
 

 

Weinparkett-Punkte: 17.5/20

 

 

 

 

 

 

Während beim "Seleccion" die Produktion auf geringe 2800 Flaschen limitiert ist, ist Galo Lopez beim Reserva etwas grosszügiger, immerhin 15000 Flaschen werden jährlich abgefüllt.

 

 

 

 

 

 

Auch der Reserva gefällt optisch mit einer glänzend kirschroten Farbe. Das Bouquet ist ein begeisterndes Gesamtkunstwerk, geprägt von intensiven, marmeladigen Waldbeerenaromen, mit nussigen und würzigen Noten von Paprika. Unsere Begeisterung wird am Gaumen leicht gedämpft, da sich die wunderbaren Aromen etwas hinter der präsenten Säure und den „zügigen“ Tanninen verstecken. Im langen Abgang kommen aber die angenehmen Röstaromen bereits gut zur Geltung.


 

Weinparkett-Punkte: 18/20

 

 

 

 

 

 

 

 

Fazit: Insgesamt ist der 2011er Seleccion der komplexere Wein und dank des Topjahrgangs 2011 etwas stoffiger und reifer; der Unterschied zum 2012er Reserva ist allerdings minimal. Etwas grösser ist der Preisunterschied. Während der Seleccion in der Schweiz mit knapp 50 Franken zu Buche schlägt, ist der Reserva für rund 35 Franken zu haben. Deshalb schneidet der Reserva in der Preis-Leistungsbeurteilung besser ab. Beide Weine sind jedoch unverkennbar Brüder aus demselben Haus, mit der einzigartigen Handschrift ihres „Vaters“, Galo Lopez, dem Eleganz wichtiger ist als Opulenz.

 

 

 

In der Schweiz erhältlich bei:


Albert Reichmuth AG

Savary Weine AG

 

 

 

Dank an die Firma Savary Weine, die diese Verkostung unterstützt hat.

 

 

 

 

Und noch was, liebe Weinparkett-Leser. Der nächste Bericht handelt davon, wie lohnend es sein
kann, sich auch Mal auf einen gänzlich unbekannten Wein aus einer kaum beachteten Weinregion einzulassen. Wir wurden überrascht und zu wahren Lobeshymnen animiert. Von welchem Wein?
Das verraten wir euch in unserem nächsten Bericht. Surft bald wieder vorbei!

 

 

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